Teil 2: Fotokünstler von Nadar bis Olafur Eliasson

Ging es im ersten Teil der Abhandlung um die technische Entwicklung der Fotografie, soll es nun um die kreativen Köpfe bei der Nutzung dieses faszinierenden Mediums gehen. Bei der Auswahl der Persönlichkeiten richtete ich das Augenmerk auf jene Fotokünstler, die entweder den Stil ihrer jeweiligen Epoche prägten oder wegweisende und bewegende Abbilder in politischer, sozialer und technischer Hinsicht schufen. Natürlich ist jede Art von Auswahl subjektiv und auch fraglos ungerecht, die Absicht dieses Artikels soll unter anderem darin bestehen, dem interessierten Leser eine Art Fundament für die eigene Annäherung an dieses komplexe Thema zu bieten. Auf die Abbildung von Fotos habe ich aufgund der schwierigen Rechtslage in diesem Bereich verzichtet; mir bleibt nur der Hinweis auf die wertvolle Info-Plattform wikipedia sowie auf die Bücher, die ich als Quellen benutzte (Hinweis am Ende des Beitrags).

 

Fotokünstler

Nadar (1820-1910)
Bekanntes Fotostudio in Paris ab 1854, erster Einsatz von Kunstlicht, Portraits von Berühmtheiten wie Baudelaire, Hugo, Doré. Vorlagen für Fotografen wie J. D. Ingres (Sarah Bernhardt, um 1864).

A. R. und R. A. Bisson (1826-1900 bzw. 1814-1876)
Architekturfotografen sowie aufwendige Expeditionsfotografie

Gustave le Gray (1820-1884)
Unter anderem eindrucksvolle Seestücke, die mittels Montage verschiedener Negative erstellt werden (Segelschiffe um 1855).

Roger Fenton (1819-1869)
Zuerst Architekturaufnahmen und Stillleben, dann 1855 erster Reportagefotograf beim Krimkrieg (Tal der Todesschatten, 1855).

Julia Margaret Cameron (1815-1879)
Portraitfotos mit viel Einfühlungsvermögen, später auch allegorische Szenen (Beatrice, 1866).

Eadweard Muybridge (1830-1904)
Landschaftsaufnahmen im Westen Amerikas sowie Bewegungsstudien von Menschen und Tieren (Bewegungsstudien in Reihenbildern, 1887).

Jacob Riis (1849-1914)
Der Däne dokumentiert unter anderem menschenunwürdige Verhältnisse bei den Einwanderern in New York (Fünf Cent der Platz, 1889).

Eugène Atget (1857-1927)
Dokumentiert mit tausenden von Aufnahmen vom Untergang bedrohte Stadteile von Paris (Asphaltierer, 1899).

Heinrich Zille (1858-1929)
Fotografien vom Berliner „Milljöh“ als Vorlagen für seine oft sozalkritischen Zeichnungen und Aquarelle (Holzsammler, 1900).

Alfred Stieglitz (1864-1946)
Dokumentarische Aufnahmen mit der Handkamera, später zahlreiche ästhetische Wolkenbilder als Metaphern für seine Lebensphilosophie (Das Zwischendeck, 1907).

Karl Blossfeld (1865-1932)
Bildhauer, der sich später mit detaillierten Fotos von Pflanzenelementen einen Namen macht. Sein Buch „Urformen der Kunst“ zeigt die enge Verbindung von Pflanzenwelt und künstlerischen Motiven auf (Kürbisranke, 1928).

Lewis Hine (1874-1940)
Politisch motivierter Photograph, der sich mit schonungslosen Dokumentationen unter anderem der Kinderarbeit und dem Elend der Arbeiterklasse um die Jahrhundertwende profiliert (Frische Luft für das Kind, 1910).

August Sander (1876-1964)
Bedeutender Portraitfotograf in Deutschland, er fertigt Ausdrucksstudien zeitgenössischem Lebens mit hoher Aussagekraft (Töpfermeister, 1926).

Edward Steichen (1879-1973)
Maler und Lithograf, der ab 1895 zu fotografieren beginnt. Er macht häufig Portraits von Berühmtheiten, später ist er ein wichtiger Mode- und Werbefotograf (Gloria Swanson, 1924).

Imogen Cunningham (1883-1976)
Sie fertigt faszinierende botanische Nahaufnahmen (Magnolienblüte, um 1925), Straßenfotografien und Künstlerportraits.

Edward Weston (1886-1958)
Setzt neue künstlerische Akzente im Bereich der Nahaufnahme (Paprika Nr. 30, 1930) sowie bei der Erstellung von Aktfotos (Akt im Sand, 1936).

Paul Strand (1890-1976)
Macht Stadtaufnahmen von New York, Großaufnahmen verschiedener Gegenstände, die wie abstrakte Kunst erscheinen sowie Portraits als Sozialstudien (Wall Street, 1915).

Man Ray (1890-1976)
Dadaistischer, danach surrealistischer Fotograf, Maler, Objektkünstler und Filmemacher (Kiki de Montparnasse, 1924).

John Heartfield (1891-1968)
Er fertigt in der Weimarer Zeit beeindruckende Fotocollagen, die sich unter anderem mit dem menschenverachtenden Nationalsozialismus befassen (Adolf, der Übermensch …, 1932).

Alexander Rodtschenko (1891-1956)
Russischer Avantgardist, der von der Malerei zur Fotografie wechselt. Seine kühnen Perspektiven setzt er oft in politisch motivierten Arbeiten im Stile des Realismus ein (Die Mutter, 1924).

Jacques Lartigue (1894-1986)
Dokumentarist des gesellschaftlichen und politischen Lebens ab 1910 bis in die 80er Jahre (ACF Grand Prix auf der Rennstrecke von Dieppe, 1912).

Dorothea Lange (1895-1965)
Ihr Gebiet war die sozialdokumentarische Fotografie in den USA; sie schafft bewegende Portraits in den Zeiten der Depression (Heimatlose Mutter, Nipomo, Kalifornien, 1936).

László Moholy-Nagy (1895-1946)
Erfinder der sogenannten Fotoplastik, in der die Fotografie Teil eines Gesamtkunstwerkes ist. Er ist führender Kopf der Bauhaus-Fotografie und fertigt auch Fotogramme, Fotomontagen sowie Lichtskulpturen. Er will mit der Kamera eine neue Beziehung zur Welt ermöglichen (Blick vom Berliner Funkturm, 1928).

Berenice Abbott (1898-1991)
Hauptsächliche Motive sind ästhetische Stadtlandschaften New Yorks, Brücken, Verkehrswege, Häuser (George Washington Bridge, 1936).

Brassai (1899-1984)
Er erringt eine Meisterschaft beim unbeobachteten Fotografieren; seine Motive sind hauptsächlich mehr oder weniger prominente Menschen, Ansichten von Städten und das Nachtleben (Le fort des halles, 1939).

Weegee (1899-1968)
Der erste sogenannte Sensationsreporter; er fotografierte für die Presse Unfälle und Verbrechen (Anthony Esposito, 1941), später ist er auch Promi-Fotograf (James Dean, 1945).

Ansel Adams (1902-1984)
Landschaftsfotograf, der durch großformatige Aufnahmen im Südwesten der USA die Neugründung weiterer Nationalparks initiiert (Loon Pike, Sierra Nevada, 1940).

Leni Riefenstahl (1902-2003)
Die umstrittene Fotografin und Regisseurin wird während des Dritten Reichs bekannt durch die inszenierte Darstellung des idealen, arischen Körpers im Rahmen der Olympiade 1936. Später dokumentiert sie das Leben der afrikanischen Nuba und widmet sich der Unterwasserfotografie.

Walker Evans (1903-1975)
Der sozial engagierte Evans wird vor allem mit Dokumentarfotos über das harte Leben in den Südstaaten und New York City bekannt (Landarbeiterfamilie, 1936).

Andreas Feininger (1906-1999)
Architekturfotograf und Autor zahlreicher Fachbücher, langjähriges Mitglied bei LIFE. Von ihm stammt auch das bekannte Portrait von Dennis Stock mit der Kamera vor dem Gesicht (Der Fotojournalist, 1951).

Horst P. Horst (1906-1999)
Er ist einer der bekanntesten Modefotografen, der mit seinen aufwendigen Licht- und Kulisseninszenierungen maßgeblich den Stil der französischen und amerikanischen „Vogue“ prägt (Korsett von Mainbocher, 1939 sowie Lisa Fonssagrives, 1940).

Henri Cartier-Bresson (1908-2004)
Freischaffender Fotojournalist, der ein „zeitloses, humanistisches Bild des Menschen“ liefert (Sonntag an der Marne, 1938). Speziell seine Fotografien von Kindern in Krisengebieten zeigen seine lebensbejahende Einstellung auf (Images à la Sauvette, 1952).

Robert Capa (1913-1954)
Engagierter Fotojournalist, der durch seine eindringlichen Kriegsberichterstattungen vom Spanischen Bürgerkrieg und der Invasion 1944 bekannt wurde; er stirbt 1954 durch eine Mine in Vietnam (Der fallende Soldat, 1936).

Arthur Rothstein (1915-1985)
Dokumentarfotograf, dessen Fotos der großen Dürre in den USA weltweit bekannt werden (Ein Farmer und sein Sohn stemmen sich gegen einen Staubsturm, 1936). Später ist er Militärjournalist und Entwickler der Xographie, einem 3D-Bild- und Druckverfahren.

Jewgeni Chaldej (1917-1997)
Er dokumentiert für die Nachrichtenagentur TASS den Zweiten Weltkrieg in seiner gesamten Länge und schafft mit dem (nachträglich inszenierten) Reichstagsfoto eine moderne Ikone (Rote Fahne auf dem Berliner Reichstag, 1945).

Helmut Newton (1920-2004)
Der vielseitige Mode- und Glamourfotograf wird vor allem mit seinen großformatigen Aktaufnahmen berühmt und in bestimmten Kreisen auch berüchtigt (Big Nudes, 1982).

Diane Arbus (1923-1971)
Sie schafft sozialkritische Dokumentarfotografien, in denen sie Randgruppen sowie die Mittelschicht psychologisch einfühlsam darstellt (Zwillinge, 1966).

Richard Avedon (1923-2004)
Mode- und Portraitfotograf mit großem Einfluss auf die heutige Generation. Bekannt wird er unter anderem durch die Arbeiten über die Warhol Factory (Dovima mit Elefanten, 1955 sowie Andy Warhol und die Mitglieder der Factory, 1969).

Andy Warhol (1928-1987)
Pop-Künstler, dessen Siebdruck-Reproduktionen eigener und fremder fotografischer Vorlagen legendär werden (Doppelter Elvis, 1963).

Bernd (1931-2007) und Hilla Becher (geb. 1934)
Das Künstlerpaar betreibt über 40 Jahre systematische Industrie- und Architekturfotografie; sie dokumentieren mittels ihres rein objektiven Stils Fördertürme, Hochöfen, Silos, Fachwerkbauten und vieles mehr (Typologie von Förderturm-Köpfen, um 1970).

Duane Michals (geb. 1932)
Konzeptkünstler, der sozusagen Bildgeschichten von der antike bis zum Comic Strip mittels Montagen oder Sequenzen erzählt (Die Dinge sind seltsam, 1973).

Gerhard Richter (geb. 1932)
Der bekannte Maler benutzt die Fotografie oft als Vorlage und Quelle für seine Werke. Mittels seiner Fotografiensammlung „Atlas“, die er seit 1961 als visuelles Tagebuch benutzt, schafft er durch die Anordnung von Abzügen gleichen Themas Tableaus dokumentarischen Stils (Atlas 327 – Wolken,1976).

Joel Peter Witkin (geb. 1939)
Witkin inszeniert oft klassische Meisterwerke wie von Rubens oder Goya neu; seine verstörenden Bilder sind bevölkert von missgestalteten Menschen und Anspielungen religiöser Art (Woman in the Blue Hat, 1985).

Sebastiao Salgado (geb. 1944)
Der geborene Brasilianer setzt mit seinen vorwiegend schwarzweissen Fotografien der körperlich arbeitenden Bevölkerung der Erde ein Denkmal: Arbeiter auf Ölfeldern und Goldminen bekommen mittels seiner drastisch-ästhetischer Ansichten eine Geschichte und ein Gesicht (Goldmine, Serra Pelada, 1986). In seinem aktuellen Bildband „Genesis“ portraitiert er die Erde mittels anrührender und spektakulärer Aufnahmen.

Robert Mapplethorpe (1946-1989)
Er fertigt höchst ästhetische Blumenaufnahmen sowie zahlreiche Akte, in denen er sich und sein persönliches Umfeld darstellt. Seine tabulosen, vom Fetischismus des Körpers gekennzeichneten Ansichten sorgen teils für strikte Ablehnung bis hin zur Beschlagnahmung (Calla Lily,1988).

Jeff Wall (geb. 1946)
Er inszeniert in seinen aufwendig hergestellten Montagen, die aus unzähligen Einzelelementen erstellt werden, Bilder einer gestörten Zwischenmenschlichkeit in urbanem Umfeld (The Flooded Grave, 1998-2000).

Annie Leibovitz (geb. 1949)
Bekannt für ihre Portraits von Stars wie den Stones, David Byrne oder Clint Eastwood; von ihr stammt auch die sensible Aufnahme von John Lennon kurz vor seiner Ermordung (John Lennon und Yoko Ono, 1980).

Herb Ritts (geb.1952)
Modefotograf, der für Armani und Calvin Klein arbeitet; Models sind u.A. Naomi Campbell und Cindy Crawford (Stephanie, Cindy, Christy, Tatjana, Naomi, 1989).

Peter Fischli (geb.1952) und David Weiss (1946-2012)
Sie sind Fotografen, Installations- und Videokünstler, die die Massenkultur mittels ernster und heiterer Nachdenklichkeit hinterfragen (Vegetarisches Wagnis, 1984/85).

Cindy Sherman (geb. 1954)
Die Foto- und Filmkünstlerin setzt sich selbst in Szene, indem sie fiktive Filmrollen spielt. Hintergrund dabei ist unter anderem ihr Wunsch, die Weiblichkeit als Konstrukt kultureller Codes zu entlarven (Untitled Film Still Nr. 13, 1978).

Andreas Gursky (geb. 1955)
Seine großformatigen Arbeiten, die oft digital manipuliert werden, spiegeln kritisch die Welt des Kapitalismus und Fetischismus mit all ihren Facetten wider (Paris, Montparnasse, 1993).

Simon Norfolk (geb. 1963)
Kriegsfotograf, der teilweise mittels einer hölzernen Plattenkamera höchst ästhetische Aufnahmen von Kriegsgebieten wie beispielsweise im Irak oder in Afghanistan macht; auf ihnen sind die Spuren des Krieges nur subtil zu erkennen, was dem Betrachter das Geschehene näher bringen kann als die übliche auf Sensationen aufbauende Berichterstattung in den Medien (The North Gate of Baghdad, 2004).

Olafur Eliasson (geb. 1967)
Der isländische Künstler will mit seinen Bildern und Installationen die Grenzen zwischen Kunst, Natur und Wissenschaft ausloten. Mit am bekanntesten ist seine Installation „Weather Project“ aus dem Jahr 2003.

Quellen:
· Walter Koschatzky: Die Kunst der Fotografie (dtv)
· Carlo Delle Cese: Alles über Fotografie (Lingen)
· Juliet Hacking: Fotografie – Die ganze Geschichte (Dumont)
· Reinhold Mißelbeck: Prestel-Lexikon der Fotografen (Prestel)
· John Szarkowski: Ansel Adams at 100 (Zweitausendeins)
· Andreas Feininger: Die Hohe Schule der Fotografie (Heyne)
· wikipedia